Michael ist sieben Jahre jung. Er lebt auf den Straßen Westafrikas. Als Waisenkind hatte Michael es nie leicht, musste sich oft durchbeißen, sich gegenüber den älteren Straßenkindern durchsetzen.
Seine Mutter starb an HIV, als Michael gerade mal vier Jahre jung war. Sein Vater hatte nicht genügend Geld, um nicht nur sich selbst, sondern auch Michael durch den Alltag zu bringen. Einziger
Ausweg aufgrund des sehr schmal ausgebildeten Sozialsystems: seinen eigenen Sohn auf der Straße auszusetzen.
Kwami, der Samstagsgeborene, so nennen ihn seine Freunde auf der Straße. An welchem Samstag er jedoch vor sieben Jahren geboren wurde, daran kann er sich nicht mehr erinnern.
Genaugenommen kann er sich kaum noch an die Zeit erinnern, als die Welt für ihn noch eine intakte Familie bot. Für ihn gibt es schon lange nur noch das Geschäft um ein paar wenige Cents:
Wassertüten auf der Straße verkaufen.
Ein Sack mit 40 jener 500ml Beutel destilliertem Wasser kostet rund 70 Pesewas. Michael kauft sich fünf dieser Säcke am Morgen, und lässt sie in einem der umliegenden Geschäfte im Gefrierfach für
einen kleinen Betrag kaltstellen. Ist das Wasser fast zu Eis gefroren, so kann seine Arbeit beginnen. Er schnappt sich die erste Ladung Wasserbeutel und verfrachtet diese geschickt in einer
Schüssel auf seinem Kopf. Freihändig balanciert er zehn Kilo und mehr flink zwischen den an der Ampel haltenden Trotros und Taxis vorbei – immer zwei monoton klingende Worte lauthals rufend:
„pure water“.
Auf was Michael immer achtet, dass ist ein Zeichen, kaum scheinbar, und in Europa völlig unbeachtet: ein einfaches „tssssssssss“. Sind die Motoren und die Hupen noch so laut, und das einfache
„tssss“ noch so leise – Michael hört es IMMER. In Sekundenbruchteilen ist das an Schlangen erinnernde Geräusch mit seinem eingebauten Ortungssystem gefunden, und das große Geschäft beginnt. Er
rennt zu dem „Kunden“ – präsentiert seine eiskalte Ware, und passt die Temperatur dem Kunden, so kassiert Michael fünf Pesewas für einen dieser Beutel. Dann geht es schnell weiter, die Ampelphase
hält ja nicht ewig an.
An einem weiteren Trotro findet er noch einen Kunden, der Interesse an seiner Ware zeigt. Die Ampel springt aber in dem Moment auf grün, und der Trotrofahrer
möchte nicht den sowieso schon stockenden Verkehr auf den engen Straßen Accras noch weiter blockieren. Es geht also weiter. Doch so leicht lässt sich Michael seinen Kunden nicht wegnehmen, die
Verkäufer warten schon an der nächsten Ampel, davon mindestens fünf weitere Wasserverkäufer. Deshalb sputet Michael neben dem Trotro her, beschleunigt auf eine unglaubliche Geschwindigkeit – an
dieser Stelle angemerkt: immer noch mit zehn Kilo Wasser auf dem Kopf. Keine 200 Meter weiter dann endlich die nach einem schnellen Sprint lang ersehnte Ampel. Sein Geschäft kann abgeschlossen
werden.
Nach einem langen Tag auf der Straße mit einer sehr monotonen und körperlich durchaus anstrengenden Arbeit fällt Michael schließlich in sein Bett. Sein Bett ist eine alte Matratze, welche in
einer Wellblechhütte liegt. Die Wellblechhütte steht nah zu seiner Arbeitsstelle in einem kleinen Slum, welches andere Kinder der Straße mit ihm aufgebaut haben. Vor dem Schlafengehen zählt
Michael sein Geld: 6 Cedi und 25 Pesewas – das hat er heute verdient, die Verpflegung durch die anderen Laufjungen und Laufmädchen abgezogen. Die 6 Cedi reichen für einen ordentlichen Teller
Reis, den er sich redlich den ganzen Tag über verdient hat, und einige Säcke Wasser für den nächsten Arbeitstag.
Ich habe Michael nie kennen gelernt. Vielleicht gibt es den Wasserträger Michael gar nicht, und es wird ihn in dem beschriebenen Lebensumfeld vielleicht so nie geben. Aber ich bin mir sicher,
dass er nur einer von zehntausenden, alleine auf den Straßen Accras, ist.
Neben Michael und unzähligen anderen Wasserverkäufern treiben sich auch ältere Jungs und Mädchen auf den Straßen Ghanas rum. Mit etwas mehr Geld zur Verfügung können sie sich jedoch die etwas
teureren Sachen leisten, die sie dann auf der Straße verscherbeln. So findet man neben Wasser oftmals gefrorenen Jogurt (Milch-, Erdbeer- und Schoko-), Softdrinks (Cola, Fanta, etc.), frittierte
Bananenchips, Kaugummi, gekochte Eier, mit Butter beschmierte Brote und und und. Alles eben was das Land als wahres Fastfood eben hergibt. In Accra kommen dann noch die lustigsten
Haushaltsgegenstände hinzu: Klopapier, Schweißtücher, kleine Nachttische, Taschenlampen, Kleiderbügel und unglaublich viele andere Dinge, die selbst ich bisher noch nicht alle auch nur annähernd
bestaunen konnte.
Doch es sind nicht nur Waisenkinder, so wie Michael, die auf den Straßen Ghanas arbeiten müssen, sondern auch Kinder aus total intakten Familien, die teilweise sogar gar nicht schlecht finanziell
dastehen. So durfte ich schon von Schulkindern hören, die nach einem anstrengendem und langen Tag in der Schule noch ein paar Stunden auf die Straße gehen müssen, um ihre Schulgebühren teilweise
selbst decken zu können. Bildung ist der Schlüssel zu fast allem, besonders in einem Land, welches durchaus noch in der Liste der Dritten Welt auftaucht. Und doch ist Bildung leider genau hier
nicht umsonst, der Staat hat andere finanzielle Löcher zu stopfen. Kinder müssen in dem Fall eben teilweise auch selbst für ihre Bildung arbeiten, um eine rosigere Zukunft als Michael zu haben.
Die Folgen der Kinderarbeit möchte ich in diesem Beitrag nicht weiter vertiefen, einige kurze Sätze müssen hier reichen, um ein Bild zu bekommen.
Gesundheitlich macht nicht nur die harte körperliche Arbeit den Kindern sicherlich zu schaffen, sondern auch ihr Arbeitsumfeld. So atmen sie tagtäglich absolut von Müll und Abgasen verpestete
Luft ein und müssen eine ohrenbetäubende Hintergrundkulisse ertragen. Psychische Schäden sind in diesem Arbeitsumfeld ebenfalls miteinbegriffen: total missachtet von der Trotro-fahrenden
Gesellschaft, absolut monoton verlaufende Wortwechsel über Geld und Ware, und nicht zu guter letzt die absolut magere Ausbeute der wohl anstrengendsten Arbeit der Welt: ein einfaches Straßenkind
sein.
Ich musste hier feststellen, dass Kinderarbeit – so schlimm es sich auch anhört – trotz allem durchaus wichtig sein kann. Es gibt kein Sozialsystem, welches Kinder wie Michael auffangen, oder
viele andere Kinder einfach nur zur Schule schicken könnte. Sie müssen sich IHRE Zukunft selbst erarbeiten, sich selbst um ihr Geld bemühen, sich selbst ihr Essen kaufen.
Wo hier genau die Grenze zwischen gut und böse verläuft, dass muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich, für mich, habe die Kinderarbeit auf der Straße in der Zwischenzeit teilweise akzeptiert,
weil ich beginne die Hintergründe der einzelnen Kinder zu verstehen. Gut ist es definitiv nicht, aber es mangelt an klaren Entscheidungen der eigenen Regierung, aber auch den anderen Regierungen
UNSERER Welt, die genau diesen Prozess erst in Gang gebracht haben. Ohne den unglaublichen wirtschaftlichen Druck Europas und Amerikas gegenüber Afrika würde es garantiert nicht so viele Kinder
auf der Straße geben, garantiert wären die finanziellen Mittel der ghanaischen Regierung dadurch nicht so begrenzt. Kinderarbeit ist ein Produkt unserer Gesellschaft, und nicht ausschließlich der
Fehler der Eltern in Dritte Welt Ländern.
Durch den wirtschaftlichen Druck entsteht aber nicht nur die, ich nenne sie mal, indirekte Kinderarbeit, bei der Kinder in Dritte Welt Ländern auf der Straße arbeiten müssen, da ihre Eltern kein
Geld für sie haben. Durch denselben wirtschaftlichen Druck entsteht eine noch viel direktere Kinderarbeit, die sich meist hinter verschlossenen Türen abspielt. Achtet doch nur mal darauf, welche
Produkte wir alle kaufen: Der Fußball made in China, das Polohemd made in Taiwan, und die Kokosnussflocken im Bounty made in Ghana. Das Endprodukt enthält oftmals 90% Kinderarbeit, auch wenn das
Produkt von Erwachsenen, so wie du und ich, gefertigt und ausgeliefert wird. Die Kinder bleiben die Lastentiere der modernen Gesellschaft, und leisten oftmals harte körperliche Arbeit, die auf
keiner Rechnung und in keiner Statistik eines Produktionsablaufes auftaucht. Die schwarz-weißen Stofffetzen nähen sich von selbst, die Kokosnüsse fallen direkt von der Palme in den LKW.
Warum ich mir eigentlich ausgerechnet die Weihnachtszeit ausgesucht habe, um diese Worte loszuwerden? Nun, Weihnachten ist ein Fest der Liebe. Und warum nicht auch mal an etwas anderes als
Familie und Freunde denken. Warum nicht mal an die vielen Kinder der Dritten Welt denken, die garantiert auch über die Weihnachtstage hart arbeiten werden, nur damit sie genügend Geld haben, um
zu essen.
Ich werde an Michael und all die anderen Straßenkinder über die Weihnachtstage denken, und versuchen, alle meine Sachen auf der Straße zu kaufen. Vielleicht kann ich ja spürbar die
Straßenwirtschaft ankurbeln, und so wenigstens ein kleines Weihnachtsgeschenk den Kindern damit machen.
Ich würde mich freuen, wenn ein paar von euch eure Gedanken zu diesem Thema als Kommentar posten, ich werde ALLES genauso verschlingen wie ihr sicherlich den bisher sozialkritischsten Beitrag aus
meinem Ghana-Alltag.
FROHE WEIHNACHTEN UND EIN GESEGNETES FEST
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